Do the rhythm!

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Do the rhythm! Das ist echtes Drum’n‘Bass. Wir hören Streicher, eine Klarinette, dann kommt der Sänger und die Platte untermalt das Ganze mit einem romantischen Knistern... der bad, bad Bass setzt ein und dann als Krönung ein schöner Technostampfbeat. "It don't mean a thing if you ain't got that swing!"

Der klassische Reim, ganz große Klasse. Ich bin bei der Opening Party der neuen Reihe „Electroswing“ im Terracehill-Club im alten Flakbunker in Hamburg St. Pauli. Und? Die Leute gehen ab zu der Mucke.

Wieder Samples von Bläsersätzem, dann klingt's nach Polka und es gibt Gesang aus einer weiblichen Kehle... so ein paar Takte... und Charleston in double speed auf der Videoleinwand. Ein Backfisch grinst in die Kamera, eine Tänzerin shaked ihr federgeschmücktes Decolltée im Takt. Dann ist die Kamera in einem Doppeldecker, fliegt unter einer Brücke entlang. Und ein Anker mit Moustache blendet sich ein.

Willkommen in der Musik der 2010er! – Alles mit etwas mehr authentischem Style, möcht ich meinen. Es leben die Roaring Twenties! Da war noch alles echter. Männer waren Männer und Gentlemen, Frauen waren meistens Damen... oder grade nicht und besser echte Flapper! Und es gab noch einen Kaiser oder bald einen An-Führer.
Einfacher als heut‘. Sagen die Leut... *

Denk Pause.

... Musik bildete stets ein wichtiges begleitendes Element zu Strömungen des Zeitgeists – ob es der Zeitgeist der etablierten Gesellschaftsschichten war oder der der sich und ihre Welt neu definierenden Jugend: Märsche und Walzer für die „Stützen“ der Gesellschaft, Volkstänze und Schlager fürs Volk oder Swing für die Jugend. Es ist naheliegend, dass so manche kritikscheue oder totalitäre Regierung sich Mühe gibt, gerade „andere“ und nicht „staatstragende“ Musik, zum Beispiel aus der innovativeren Jugendszene, zu unterbinden oder gleich zu verbieten.

Aber was hat denn nun der stärker werdende Trend zur Swing-Musik und zum Swingtanzen damit zu tun? Warum gehen mehr und mehr Leute zu Parties mit starken Retro-Elementen in deren Gestaltung und Kultur, mit Swing und Electroswing (also topmodernen elektronisch-, synthie- und remixlastigen Musikstilen, die nun jede Menge an (rechtefreien?) Samples alter Schlager aufweisen)?

Das Schräge dabei ist: Die Leute orientieren sich an Zeiten, die konservativer waren, als wir sie heute erleben. Wenn du von heute in die Zeiten von 1900-1940 gebeamt würdest... stell dir das mal vor: du würdest dich doch ganz schön umschauen... Frauenwahlrecht in Politik und Beruf? Eher nicht. Demokratie? Höchstens teilweise in kleinen Kommunen, teil- und zeitweise in der Weimarer Republik und überwiegend eher nicht. Klassen-Unterschiede dagegen? Na selbstverständlich.

All diese neuen Remixes der heißen turbulenten 2010er zeugen auch von den Brüchen unserer heutigen Zeit. Wir schwanken zwischen Meditationsmusik und Retrostilen bis Electroswing, weil unsere Gesellschaften und Kulturen neue spirituelle bis religiöse Werte und neuen Sinn suchen (und finden) und andererseits noch in der Auseinandersetzung mit den konservativen Strömungen stecken. Diese Zeiten der Veränderung der Werte sind noch mitten im Gange. Erwarten wir bald ergänzend zum Swing noch das erneute Aufkommen von Folklore bis hin zu deutscher Volksmusik (Heino ist da einer der Vorboten) – und vielleicht löst in ein paar Jahren der Walzer den Swing ab.

The naked terms of change.– Unser Leben und unsere Kulturen zitieren sich sehr oft, dies ist nichts außergewöhnliches, und es gab dies auch schon früher in unserer Historie. Doch warum zitieren wir ältere Zeiten in unserer Kultur? Kulturen zitieren sich, weil sich das Leben in Wellen entwickelt. Dabei wiederholt sich zwar nichts als exakte Kopie, doch das Leben nutzt Impulse vergangener Epochen auf dem Weg zur nächsten Entwicklungsstufe. Sämtliche Entwicklungen auf der Erde geschehen in Wellen und Phasen. Was sind diese Wellen und Phasen anderes als Schwingungen und Rhythmen?

Do the rhythm! Schwingung und Rhythmus sind auch die Grundlage für jede Musik und jeden Ton.
Du bist Teil dieser Schwingungen.
Du bist Musik.






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* in vermeintlich unsicheren Zeiten wird der Ruf nach einer starken Führungspersönlichkeit stärker. Dies können wir auch heute beobachten, etwa in Deutschland oder anderswo in Europa. In Internet-Foren und den Kommentarbereichen von Presseartikeln werden die Kommentare häufiger, in denen in Zusammenhang mit schwierigen politischen Situtationen die Menschen nach einer gerechten und starken Hand rufen. Dies muss nicht gleich zu diktatorischen Zuständen führen, man sollte jedoch aufmerksam bleiben. Gerade gegenüber den politischen Verschiebungen in Europas Krisenländern – so schreibt die ZEIT gerade über „Mussolinies Erbe“ in Italien, das Aufkommen rechtsextremer Parteien im italienischen Wahlkampf.

Ich habe dies Thema auch in der Hamburger Handelskammer im Rahmen der Nordwesteuropa-Konferenz im November 2012 mit Herrn Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut diskutiert, der als Keynotesprecher zwar auf die wirtschaftlichen und auch einige soziale Krisenherde hinwies, der jedoch die Gefahr einer neuen politischen Rechtsausrichtung für Europas Krisenstaaten als weniger relevant ansah.
Ich hoffe, ich habe hier mit meinen Vermutungen unrecht.

 

 

 

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