Freundschaft, Gesellschaft, neue Rollenmodelle - willkommen im weiblichen Jahrhundert?

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Freundschaft, Gesellschaft, neue Rollenmodelle bei Frauen und Männern – macht das Internet alles Soziale neu? Achten wir wieder mehr auf klassische Werte in Beruf und Privatem? Bekommt alles eine neue Sinnhaftigkeit?
(Dazu auch der trendtalk extra heute abend im Rahmen der Social Media Week Hamburg: http://socialmediaweek.org/hamburg/events/?id=49313)


Dass wir uns in einer Zeit großer Veränderungen befinden, ist für viele mittlerweile eine Binsenweisheit.

Das Thema Innovation ist in aller Munde, viele Unternehmen, große und kleinere, wie auch soziale Organisationen und Städte sowie Dienstleister und weitere Akteure rufen nach Innovationen oder bieten diese an, etwa als Innovationsworkshops oder To-Do-Listen ...

Zuviel Innovation im Trend? Das ist verdächtig. Denn das Problem bei all dem: Innovationen innerhalb bestehender Strukturen funktionieren nur bis zu einem gewissen Grad. Sie lassen sich nur begrenzt integrieren. Gerade bei einem sich stark ändernden Umfeld sind die meisten reinen Innovationsprogramme zu wenig. Wenn das äußere Umfeld sich extrem ändert, ist auch innen eine wirkliche Veränderung gefragt.

Erst dann erreicht man wirkliches inneres und äußeres Wachstum.

Wenn wir unsere Wirtschaft und Gesellschaft einmal von außen anschauen, sehen wir: Da gibt es Organisations- und Kommunikationsstrukturen, die sich seit mindestens mehreren hundert Jahren gut und bis dato erfolgreich etabliert haben. Sie haben eigene Konzepte, wie Entwicklungen und Produktion, Kommunikation und Hierarchien, Strategie und Steuerung funktionieren sollen. Und weil dies so schön lange ganz gut funktioniert hat, geht man wie selbstverständlich davon aus, dass dies auch weiter so gut geht - und man sagt: Sobald es neue Wege der Produktion, der Logistik und der Kommunikation gibt, die für uns wichtig sind, werden wir diese einfach *integrieren*. Das hat ja bisher immer gut geklappt.

Solch ein gut funktionierendes Struktursystem (ob ein System namens Gesellschaft oder auch ein Unternehmens-System) lässt sich dabei sehr gut mit einem biologischen Organismus vergleichen. Dieser Vergleich ist sogar ziemlich naheliegend: Denn wir Menschen sind ja selbst biologische Lebewesen, unsere sozialen Aktivitäten und Produkte bilden daher unser biologisches Handeln auch ab.

Und wir haben von unserer Natur her seit mindestens 100.000 Jahren die Anlage, uns zu Sozialgemeinschaften zusammenzuschließen, die dem Einzelnen mehr Sicherheit geben und ebenfalls die soziale Gruppe mehr stärken. Jedes Mitglied der sozialen Gruppe übernimmt gewisse fachliche eigene Aufgaben, und die Gruppe wiederum gibt dem einzelnen Menschen in der Gruppe Schutz und soziale Sicherheit. Und weil dies so gut funktioniert, sind die damit verbundenen Kommunikations- und Verhaltensformen bereits seit langem fest in unseren Genen angelegt.

Okay, also ein Unternehmen ist eine Art Organismus. Und es besteht aus einer Gruppe von Menschen, die durch die Organisationsstruktur des Unternehmens verbunden ist - und das gesamte Unternehmen funktioniert ganz prima, wenn jeder sich an die Kommunikationsregeln hält und auch die Hierarchien achtet.

Weil nun die Hierarchien von Unternehmen und Gesellschaften in den letzten paar hundert Jahren so stark "hierarchisch" geprägt waren, bedeutete das auch gewisse Reglementierungen für die Kommunikation der Menschen und ihrer Verwaltungs- und Verantwortungsebenen untereinander. Es war streng geregelt, wer welche Aufgaben macht, wer wem gegenüber verantwortlich war oder rechenschaftspflichtig, wer das Sagen hatte und wer was auszuführen hatte.

Und um es noch einmal zu betonen: Es war recht genau geregelt, wer mit wem was zu besprechen hatte oder wer welche Befehle erteilte oder ausführte. Dreh- und Angelpunkt bei all dem ist die Kommunikation.

Der ganze Organismus funktionierte wunderbar, solange die Kommunikation klar geregelt und aufgeteilt war.

- Ihr kennt die Borg aus Star Trek? Deren Wahlspruch: Resistance is futile - Widerstand ist zwecklos. Ihr werdet assimiliert. -

Das war sozusagen auch Prämisse und Wahlspruch der allermeisten Unternehmens- und Gesellschaftskonzepte. Wenn es etwas Neues gibt, dann werden wir dies integrieren - und sonst ändert sich aber möglichst wenig. Hauptsache, der Organismus funktioniert reibungslos.

Kleine gesellschaftliche oder organisatorische Irritationen - wie zB die Kultur- und Politikrevolutionen der 68er - wurden integriert. Der Organismus hat dann mal kurz etwas gehustet, aber konnte dann die kleinen Innovationsinfektionen gut aufnehmen, und sich dadurch sogar etwas verbessern.

Doch dann kam das Thema mit der Kommunikation.

Ein kurzer Rückblick: Als das Telefon allmählich gesellschaftsfähig wurde, wer waren da die ersten Nutzer? Die High Society. Ein Telefon war damals in etwa so teuer wie ein Auto. Also war es etwas, das nur der wohlhabenden Gesellschaft vorbehalten war. Ein teures und schickes Gimmick. Allerdings eines, das recht bald für ärgerliche Irritationen sorgte.

Warum das? Wegen der Partyeinladungen - sozusagen.

Damals war es durchaus von gesellschaftlicher Relevanz, seinen Bekanntenkreis in gewissen Abständen zum Diner oder zur Soirée einzuladen. Die Einladungen wurden durch die eigenen Dienstboten persönlich zugestellt, in Form von handgeschriebenen oder teils gedruckten Billets. Und wenn man bei jemandem vorbeischaute, eine Visite machte, dann hinterließ man ebenfalls seine Carte de Visite - am besten vorab. Einladungen wurden also am Besten einige Tage oder noch besser Wochen vorher überreicht. Und wer die neuen Nachbarn noch nicht kannte, konnte sich vorher informieren über diese. Auch wer seine liebsten alteingesessenen Nachbarn diesmal lieber nicht besuchen wollte, hatte genügend Zeit, sich vorher eine Maladie oder andere Umpässlichkeit zu überlegen. Zeit war ein wichtiges Gut und ein noch wichtigeres Macht-Instrument.

Doch dann kam das Telefon. Denn es waren nicht nur die alteingesessenen reichen Familien, die nun einen Fernsprechapparat hatten, sondern auch die Neureichen, die eventuell gerade erst in die Nachbarschaft gezogen waren. Auch diese luden selbstverständlich zum Einstand ihre Nachbarn ein, um sich bei Tee, Diner oder Soirée vorzustellen und sich in die örtliche Gesellschaft einzuführen. Das gehörte sich so - und auch Mutter Natur sorgte bei den Menschen mit ihren sozialen Genen dafür, dass sämtliche neuen Kommunikationswege gleich mit integriert wurden.

"Montgomery, wir müssen zu unserem Einstands-Diner hier noch die Billets mit den Einladungen an unsere Nachbarn versenden. Was wollen wir da schreiben?"

"Ach, weißt du, meine Liebe, wir haben uns doch nun diesen neuen schicken sündhaft teueren Telephonapparat geleistet, und viele der alteingesessenen Familien hier haben auch schon einen: Rufen wir doch einfach kurz an! Das macht auch mehr Eindruck."

Eindruck machte es, allerdings nicht unbedingt den gewünschten:

Denn die Angerufenen Cabots, Lowells oder Bradlees waren es natürlich gewohnt, ausreichend Zeit für eine Antwort zu haben.

Als nun aber das Telefon klingelte und man sich gewissermaßen genötigt sah, sofort am Telefon zuzusagen (eine Absage wäre unhöflich gewesen) - und schon war der Skandal da - ein versteckter New Media Skandal sozusagen. 

Die Telefongesellschaften sahen sich damals bald genötigt, ihre Kunden sozusagen mit New Media Communication Guidelines darauf hinzuweisen, dass man nicht einfach so bei den neuen Nachbarn anrief und zur Party einlud, sowie, dass man auch am Telefon gefälligst höflich und gesittet zu sein hatte.

So war das damals. Und ja, wir kennen das, ähnliche Etiquette wurde und wird kommuniziert in Zusammenhang mit dem Internet und nun Social Media.

Zurück zum Husten - also zur Frage der Assimilation von Veränderungen. Das Telefon verursachte damals nur einen kleinen Husten, denn schließlich konnten sich nur recht wenige Menschen einen solchen Apparat leisten.

Heute hat sich dies allerdings geändert. Statt des Telefons für wenige haben wir nun das Internet.

Und wieder klinkt sich Mutter Natur ein und unsere sozialen Kommunikationsgene freuen sich über jede Optimierung der sozialen Kommunikation und Gruppenbildung. Je mehr desto besser und umso besser für das Individuum in der eigenen sozialen Gruppe. "Was schon damals für die Steinzeitsippe von Oma und Opa Feuerstein die beste Sozialversicherung war, kann ja nur gut sein" - sagen sich unsere uralten Erbanlagen, die wir von den Feuersteins geerbt haben.

Heute ist das jedoch umfassend anders: Das Internet ist Kommunikation pur.

Und die so schön aufgebauten Wirtschaftsstrukturen, Regierungs- und  Firmenimperien, die von den Vorvätern (!) eher patriarchalisch-hierarchisch aufgebaut wurden und seit Urururgroßvaters Zeiten liefen, sehen sich plötzlich von innen heraus angegriffen. Assimilation und Integration wie bei den Borg funktioniert nur, wenn der Organismus in seiner integralen Struktur erhalten bleiben kann und gegenüber den äußerlichen Veränderungen des Biotops genug Zeit hat, sich anzupassen.

Das Dumme ist: Eine Veränderung, die direkt an der Kommunikation ansetzt, ist ein Virus, der mehr als einen Schnupfen oder Husten verursacht.

Wenn die Basis der Borgzellen nicht mehr mit der Riege der Führungszellen spricht, sondern sich lieber direkt austauscht, weil das nun viel leichter geht, und sich lieber eigene Münder, Nervenknoten oder Verdauungssysteme aufbaut, dann befällt den Organismus eher eine Kommunikations-Immunschwäche - wenn möglichweise das Zentralnervensystem nicht mehr als einzige Steuerungs-Hierachie gefragt ist, was dann...?

Gerade das ist die Situation, wie wir sie erleben.

Wenn eine Firma zu euch kommt, und sagt: "Wir wissen, wir müssen uns mal etwas erneuern, was sollen wir da am Besten tun?"

Und ihr sagt dem Management: "OK, dann ändert doch bitte sämtliche Hierarchien, Produktionswege, Mitarbeiterebenen und Mitbestimmung, holt außerdem noch regelmäßig die Kunden in die Fabrik oder engagiert lieber gleich Sprecher der Kunden, stellt eure Versorgung und Einkäufe um und außerdem eure Finanzierung, Buchhaltung und eure Vertriebswege ... und all das am Besten gleichzeitig."

Dann seid ihr so schnell wieder herauskomplimentiert, dass ihr noch nicht einmal bis 3 zählen könnt.

Dabei ist es genau das, was gerade passiert: Die etablierten Organisationsstrukturen der Firmen- und Gesellschaftsorganismen sehen sich vor den Herausforderungen, längst überfällige Veränderungen so schnell wie möglich umzusetzen.

Dabei können sie es gar nicht. Die Veränderungen sind dermaßen stark und durchgreifend, weil sie nicht mehr einfach "von außen" kommen, sondern weil das Virus bereits im Organismus drin ist.

Das Virus heißt "direkte und möglichst transparente Kommunikation". Ein solches "Virus" kann man allerdings nicht mehr einfach mit äußerlichen kleinen Innovations-Salben und -Tinkturen loswerden. Es ist bereits drin und daher sind diejenigen kleinen oder neuen Organisationen im Vorteil, die erst während der Virusinfektion geboren wurden oder aufwuchsen, denn sie sind bereits dabei, die neue Form der Kommunikation in ihre Organisationsformen zu übernehmen.

Und die alten oder Etablierten müssen nun die Inflation der Innovations-Ideen beiseite lassen, und etwas viel Umfassenderes tun: Sie müssen mutieren und ihre inneren Strukturen grundlegend verändern.

Das ist wie bei den Raupen. Man wird kein Schmetterling, wenn man sich die Raupenhülle schön bunt anmalt oder sich kleine Flügelchen anklebt. Und der Versuch, einfach immer größer und größer zu werden und einfach immer weitere Raupenkolonien zu etablieren, ist irgendwann nicht mehr machbar: Man wird zu behäbig, zu langsam, hat seine Nahrung in Reichweite längst aufgefressen und kann sich zudem nicht fortpflanzen - oder wegfliegen, wenn das Futter alle ist oder einen die Umgebung auffressen möchte.

Man kann erst dann fliegen und neue Welten schaffen, schöne Flügel und quirlige neue Kinder bekommen, wenn man sich innerlich komplett verändert. Und das ist es, was bei Schmetterlingen geschieht: Sie gehen sozusagen ins Retreat. Ihr Organismus behält einen Teil der zentralen Idee und entwickelt daraus eine neue Vision. Diese Vision bleibt und die Zellen in der Puppenhülle verwandeln sich nahezu komplett von Raupenzellen zu Schmetterlingszellen. Und heraus kommt dasselbe Individuum mit neuen Fähigkeiten.

Veränderung geht nur, wenn man sich von den alten Strukturen löst, seine Erfahrungswerte behält und in neue Visionen und Wege integriert.

Dazu gehören klassische Wertemodelle von Vertrauen und Freundschaft, dazu zählen weibliche Werte der Intuition und Gemeinschaft.

Willkommen in der neuen Zeit!

 

 

 

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