Willkommen zurück, Religion!

Walter Matthias Kunze's picture


"Wann gehen wir wieder in die Kirche?" - "Gebt ihr eure Kinder auch lieber in einem kirchlichen Kindergarten, der Werte wegen?" - "Warst du schon auf der Ausstellung von ...?"

Wenn man sich so die Plakate und kulturellen Bildwelten der letzten Zeit anschaut, dann könnte bei manchen Bildern der Eindruck entstehen, die Kirchen und Religionen werden sich um Zulauf keine Sorgen machen müssen.

Was steckt dahinter? Die Frage nach Sinn und Werten.

Siehe auch das Artikeltitelbild: Die Skizze ist ein Auszug aus der Trendcloud zum Metatrend Neue Klassik. Man achte hier auf unten rechts: "Sinn? Werte!"
Das führt dann weiter in Richtung Religion als ethische Werte-Richtlinie.

Wir sind auf dem Weg in eine religiöser werdende Welt, von der die Menschen sich etwas mehr Sinn versprechen. Als Gegensatz zur von vielen unterbewusst als kühl bis unübersichtlich empfundenen Weltgeschichte.

Was kommt dabei heraus? Neue Kunst-Stilzitate, neue (alte?) Themen für die Medien und viel an Symbolik in den Medien, seien es Print oder Digital oder Musik, ...

Vielleicht ist dies aber auch gut und stellt einen Weg der Auseinandersetzung mit diesen Werten dar. Dann geht es im gesellschaftlichen Unterbewussten möglicherweise eher um die Erneuerung alter konservativer Sinn-Werte. Und weil unsere unbewussten Motivationen und Stimmungen eben nicht durch einen bewussten Sinnes- und Gesellschafts-Wandel kontrolliert werden, geschieht diese Veränderung auf breiter Ebene und an vielen THemen und Orten gleichzeitig allerdings auch inklusive der Auseinandersetzung mit all den Brüchen und Extremen, die dazu gehören. Nur durch diese gestiegene Aufmerksamkeit geraten dann dazu passende Extreme in die Öffentlichkeit der Nachrichten und Medien, wie beispielsweise die Nachricht, dass in gleich zwei katholische Kliniken in Köln nacheinander einer vergewaltigten Frau die Behandlung verweigerten.

Orientierung und Sicherheit? Religion wird zum gesellschaftlich wichtiger werdenden Thema. So scheint es nicht nur einen Trend zu geben, Kinder eher in christlich-gläubige Kitas zu geben. Zu klären wäre, wie sich der Trend hier in Hinsicht auf andere Religionen und spirituelle Gemeinden entwickelt, wie etwa jüdische, muslimische, buddhistische, hinduistische, ...

Dabei sind es nicht nur die Kitas. So würden etwa die evangelischen Schulen "regelrecht überrannt", so sagt der bayerische Oberkirchenrat Detlev Bierbaum. Und wenn Sie einmal aufhorschen, wieviele  Personen des öffentlichen Lebens sich neuerdings zu kirchlichen oder religiösen Werten bekennen, dann ist das schon bemerkenswert.

 

Dass das Thema wirklich auf breiter Ebene die sozialen Bewusstseinsschichten unserer Gesellschaft und Kultur beschäftigt, sehen wir seit langem. Bereits Anfang der 2000er war absehbar, dass sich in Zusammenhang mit den global deutlicher werdenden weltweiten Problemen der Menschheit (Wirtschaftskrisen, Krisen in Politik, Demokratie, Ressourcen, Bevölkerungswandel, Kriege, etc.) ein Trend zurück zu Tradition, Sicherheit, Orientierung und damit zusammenhängend einer stärker werden Sinn-Suche abzeichnet. Damals schrieb ich dies in den Ende 2004 verfassten ersten Studientext zum Metatrend Neue Klassik, der eben diese Folgen auf breiter Ebene darstellt: Von einer neuen Konservativität und Retro-Gewandtheit in Kultur und Politik bis zur aufkommenden Religiosität und Spiritualität.

Zurück zur Religion bzw Auseinandersetzung mit den Werten der Religion. Ein schönes Beispiel hatte nwir schon, das Plakat für die Party in Hamburg am 18.01.2013, betitelt mit "Glück" und bebildert mit 3 Engeln. Nahezu zeitgleich ein Bericht über Engel im Zeitschriftenregal.

 

 

 

Aktuell zeigt sich dies außerdem in einer Ausstellung in der Hamburger Galerie OZM, die Werke von mittenimwald präsentiert. Die Bilder sind ähnlich wie alte russische Ikonen auf Holz gemalt (und gesprayt) und spielen mit vielen religiösen Symboliken.

 

Und dann noch dies hier - und da wundere ich mich wirklich öfters etwas: Manche besonders politisch agierende Konzertplakate und Events werden mit explizit konservativ-religiösen (bis nationalistischen) Symbolen versehen, wie einem Reichsadler auf einem Kreuz. 

Hier ist die Religion dann gleich als Trägerin konservativer Werte verknüpft mit dementsprechender Politik: "Man spricht deutsch" - scheinbar verwenden politische Gegner mittlerweile öfters dieselben Symbole. Fatal, oder?

Warum solche erzkonservative Bildsprache, die doch politisch eher in den historischen Kontext der Nationalistischen bis Kaisertreuen Monarchisten passte, genutzt wird? Es scheint sich wieder eine gewisse unreflektierte Faszination zu dieser Bildsprache zu entwickeln. Und es wirkt. Die Menschen schauen hin. Was bedeutet: Die Empfänglichkeit für solche Symboliken ist da . Und ja, ganz unten in der Ecke steht dann sicherheitshalber ganz klein noch ein "Nazis raus".

Religion und Politik... In öffentlicher Diskussion und Wertefragen. Na, schauen wir mal, wo uns dieser Trend zu religiösen Themen noch hinführt.

 

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